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Hestroff/Lothringen

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Petit Ouvrage A 24

“Fort aux Fresques”

 

     Das Fort aux Fresques A 24, der eigentliche Name ist “Petit Ouvrage du Bois de Bousse”  [der Bois de Bousse ist das Waldstück, in dem das Werk liegt], ist ein Infanteriewerk der Maginot-Linie, erbaut in den Jahren 1931 bis 1935. Dieses Werk hatte die Aufgabe, zusammen mit den nebenliegenden Werken Hobling A 23, Anzeling A 25 und Berenbach A 26 das nahe Tal der Nied sowie die Bahnlinien nach Thionville (Diedenhofen) und Metz waffenwirksam zu schützen. Es ist in die Kategorie 3 „Petit Ouvrage“ eingeordnet, vor allem, weil es ein reines Infanteriewerk ist, dem sämtliche artilleristischen Komponenten fehlen.

     Die gesamte Anlage wurde 1975 von der Gemeinde Hestroff gekauft: nach einigen fehlgeschlagenen Betreuungsversuchen durch andere Vereine, kümmert sich nunmehr die „Association du Fort aux Fresques“ (gegründet am 02.05.1998) um die Anlage. Das Werk kann ganzjährig jeden Sonntag ab 14.00 Uhr besucht werden; Führungen – auch in deutscher Sprache – werden von April bis Oktober um 14.30 Uhr und 16.00 Uhr angeboten. Von November bis März wird jeden Sonntag um 14.00 Uhr eine Führung angeboten. Eintritt für Einzelpersonen 5,00 €, Gruppen ab 10 Personen und Kinder bis 7 Jahre 3,00 €.

Zur Geschichte der Gemeinde:

im Jahre 960 wird Hestroff als HERUVINIVILLA erstmalig urkundlich erwähnt, im 11. Jahrhundert auch als HAREWAINVILLE  und HERNEDORP.

Die Gemeinde liegt etwa 13 km von der deutschen Grenze entfernt, gehört zum Département Moselle, Arondissement Forbach-Boulay. Die Einwohnerzahl lag am 01.01.2012 bei 458 Personen, die Gemeindefläche beträgt etwa 7,4 qkm. Bekanntestes Bauwerk ist die Kirche Saint Jean-Baptiste aus dem Jahr 1730 und natürlich die Bauwerke der Maginot-Linie.

     Seinen Namen „FORT AUX FRESQUES“ erhielt das Werk durch die zahlreichen Wandmalereien (Fresken), die die Soldaten der Werksbesatzung dort angebracht haben und die in humoristischer, nicht selten in satirischer Weise, das Leben der Werksbesatzung darstellen. Die meisten Fresken stammen von dem  aus Saint Malo stammenden Künstler Daniel Louis Derveaux (26.08.1914 – 14.11.2010), der während des „Sitzkrieges“ in diesem Werk Dienst geleistet hat. Derveaux, seit 1936 Soldat, sollte eigentlich in der Großgruppe Hackenberg A 19 eingesetzt werden. Capitaine Wolff, der von den künstlerischen Qualitäten Derveaux’s erfuhr, gelang es, ihn zum Fort aux Fresques abstellen zu lassen und setzte ihn als Beobachter in Block 1 ein. Hier hatte er ausreichend Zeit und Muße, einige Räume mit seinen Malereien künstlerisch zu gestalten.

     Die Besatzung des Werkes stellte das 162. RIF (= Régiment d’Infanterie de Forteresse – Festungsinfanterieregiment); das Regiment gab sich selbst den Namen „Régiment de la Nied“. Erster Kommandant der Anlage in Friedenszeiten war Lieutenant Roger Gendre, Jahrgang 1910, und gehörte der 2. Kompanie des 162. RIF an. Ihm folgte Capitaine Pierre Wolff (1900 – 1985) nach und blieb Kommandant bis zum 05. März 1940. Er war Reserveoffizier und im Zivilberuf Rechtsanwalt mit einer eigenen Kanzlei in Metz.  Sein Nachfolger wurde Capitaine Ramaud. Ramaud war bis dahin Kommandant im Fort Berenbach A 26, seinen Platz in Berenbach nahm nun Lieutenant Gendre ein.

     Die gesamte Anlage besteht aus vier Blöcken: dem Eingangswerk (s. Foto), einem sogenannten „Entrée mixte“ (lediglich ein Eingang für Personal und Material) und drei Kampfblöcken, die untereinander und mit dem Eingangswerk durch eine etwa 370 Meter lange und 25 Meter tiefe, betonierte Galerie unterirdisch verbunden sind. Die Gesamtlänge aller Galerien beträgt rund 860 Meter. In der ursprünglichen Planung der Anlage waren fünf Kampfblöcke vorgesehen: aus Kostengründen wurde auf die Kampfblöcke 4 (ein Artillerieblock) und 5 (ein weiterer Infanterieblock) verzichtet.

 

     Das Eingangswerk diente, wie in allen französischen Befestigungsanlagen der Maginot-Linie, der Anlieferung und Versorgung der Anlage mit allen notwendigen Nachschubgütern, insbesondere der Munitionszufuhr, aber auch der Versorgung mit Verpflegung, Treibstoff für die Kraftanlage, Sanitätsmaterial und allen notwendigen Verbrauchsgütern und diente als Personaleingang für die 145 Mann starke Werksbesatzung.

     Der Eingangsblock ist in seinen beiden Eingangsverteidigungen mit zwei Zwillingsmaschinengewehren, Typ Reibel mle 31 MAC, und zwei Einzel-MG’s gleichen Typs bestückt. In den Frontalscharten der Zwillings-MG’s konnte auch jeweils eine 4,7cm-Pak platziert werden. Die flache Stahlkuppel für einen 5cm-Grantwerfer ist eingebaut worden, der Granatwerfer wurde allerdings nie installiert. Auf der Bunkerdecke ist ein weiterer MG-Turm, Typ GFM (= Cloche Guetteur Fusil Mitralleur) sowie eine Beobachtungskuppel, Typ VDP (=  Vision Directe et Périscopique) eingebaut. Ein tiefer Diamant-Graben schützt den Eingangsbau vor direkter Annäherung an den Eingang und Verschüttung der Scharten durch Trümmer; bei geöffnetem Eingang wurde der betonierte Graben mit einer stählernen Rollbrücke überbrückt. Vom Eingangswerk führt ein Fahrstuhl (der derzeit leider außer Betrieb ist), aber auch ein umlaufendes Treppenhaus, 114 Stufen hinab in die Hauptgalerie. Die (erste, grobe) Entgiftungsanlage ist ebenfalls im Eingangsblock untergebracht. Von der Hauptgalerie zweigen die Zugänge zu den Kampfblöcken 1 bis 3 sowie zu allen anderen Funktionsräumen ab. Alle Galerien sind mit Namen prominenter Politiker oder Generäle versehen. Die Hauptgalerie trägt den Namen des Maréchal Ferdinand Foch (1857 – 1929).

     Der Block 1 ist ein reiner Beobachtungs- und Feuerleitblock, ausgestattet mit einer Panzerkuppel Typ VDP für ein 360°-Periskop und Scharten zur Direktbeobachtung des Kampffeldes.

     Der Block 2 ist ein Infanterieblock mit zwei Scharten für ein Zwillings-MG, wechselweise einer 4,7 cm Pak und zwei GFM-Kuppeln. Der Block 2 gilt als ein „CORF-Regelbau“. Ein Diamantgraben schützt den Eingangsbereich des Bunkers. Ein mannshoher Ausgang erlaubt dort „auszusteigen“. (Kampfkommandant des Block 2 war Adjudant-Chef Salaun).

 

     Der Block 3 ist ebenfalls ein Infanterieblock und verfügt über einen versenkbaren Panzerdrehturm für Maschinenwaffen, einer Scharte für Zwillings-MG/4,7 cm Pak, eine weitere Scharte für ein Zwillings-MG und zwei GFM-Kuppeln. Der Block weist die Besonderheit auf, dass er aus einem identischen Bau wie Block 2 mit einem angehängten Zweckbau für den versenkbaren Panzerturm besteht. Der dreh- und versenkbare Panzerdrehturm wiegt 65 Tonnen, dazu kommt der umlaufende Vorpanzer mit nochmals 265 Tonnen. Der Sonderbau für den versenkbaren Panzerdrehturm ist dreistöckig angelegt, der gesamt Block ist erdversenkt, lediglich die Bunkerdecke mit den Waffenkuppeln ist über der Erde sichtbar.

     Daneben verfügt das Werk über ein eigenes Haupt-Munitionslager ( immer als „M1“ bezeichnet), weitere, kleinere Munitionslager (immer als „M2“ bezeichnet) in den Kampfblöcken und kleine Munitionslager (immer mit „M3“ bezeichnet) jeweils an den Waffenstationen, eine Küche für die Mannschaften, eine Offiziersküche, ein Kraftwerk mit drei 4-Zylinder-Maschinen für die Stromversorgung (3 wassergekühlte SMIM-Dieselmotoren mit je 85 PS), ein kleiner CLM-Generator (u.a. für die Befüllung der Pressluftflaschen, die zum Anlassen der Diesel nötig waren/sind), eine unterirdische Kaserne zur Unterbringung der Soldaten, Unteroffiziers- und Offiziersunterkünfte, eine Brunnenanlage für die Frischwasserversorgung, eine gesonderte Brunnenanlage für das Kühlwasser, Sanitätsbereich (Infirmerie), eine Werkstatt, Vorratsräume, Filterbatterien für die Luftreinigung, einen separaten „Polizeiposten“ der Militärpolizei einschließlich einer Arrestzelle  und eine sogenannte Stollenverteidigung zur Verteidigung der unterirdischen Galerie.

     Verantwortlicher Bauträger für den Bau des Forts war die Direction des Traveaux de Fortification de Metz (so etwas ähnliches  wie die deutsche OT), die Leiter dort waren Colonel Grenet und Commandant Beaumont. Sie erhielten die Pläne für die Bauten von der CORF (Commité d’Organisation des Régions Fortifiés) und setzten sie um, überwachten die Bauausführung, organisierten die Materiallieferungen an die Bunkerbaustellen und waren für die Endabnahme verantwortlich.

    Ähnlich wie beim Bau des Westwalls erhielten Großunternehmen der Baubranche den Auftrag zum Bau der Anlagen und verpflichteten ihrerseits zahlreiche lokale Bauunternehmer. Für das Fort aux Fresques waren die Bauunternehmer Gianotti aus Nizza und La Parisienne Entreprises aus Paris die Hauptunternehmer, die ihrerseits zahlreiche lokale Bauunternehmer anwarben. Während der gut vierjährigen Bauzeit waren rund 2.500 Bauarbeiter aus zehn Nationen dort beschäftigt: sie waren in der Umgebung auf Bauernhöfen und in eigenen Barackenlagern im Bois de Bousse untergebracht.

      Die Pioniere (zuständig im Fort aux Fresques waren Soldaten des 18. Pionierregimentes) wohnten in ihrem Stützpunkt in dem kleinen Ort Streifel, der an der Straße Metz – Bouzonville liegt; der dortige Kommandeur war Capitaine Kauffeisen (der seine militärische Karriere als General beendete), seine Stellvertreter, gleichzeitig Abteilungsleiter, waren Capitaine Fensch, Lieutenant Duchez und Adjudant-Chef Vidal.

     Die gesamten Baukosten des Fort aux Fresque beliefen sich auf rund 22,8 Millionen Francs, alte Franc (ancient francs) versteht sich. Von den aufgewendeten Mitteln entfielen 67% für den Bau, 16% für die Ausrüstung mit Waffen.

     Für die gesamte Anlage waren enorme Erdbewegungen in der Größenordnung von 36.000 m³ notwendig; es wurden 7.815 m³ Beton verbaut und weitere 6.136 m³ Mauerwerk (im Innenausbau) erstellt.

 

     Die Arbeiten konnten wie geplant 1935 abgeschlossen werden. Bis zum Kriegsbeginn wurden die Anlagen in Dauerbesetzung (Schichten) durch kleinere „Detachements“ [vergleichbar unseren Wallmeister-Trupps, allerdings zahlenmäßig wesentlich größer] gewartet; erst mit der Mobilmachung/Kriegserklärung an Deutschland rückten die Besatzungen in voller Kampfstärke [für den darauf folgenden Sitzkrieg] in die Bunkeranlagen ein.

 

     Eine besondere Geschichte rankt sich um die Anlagen in den Festungsabschnitten Boulay und Thionville:

      die französischen Offiziere der Werke brachten ihre Ehefrauen (oder die Damen, die sie dafür ausgaben) mit in die Stationierungsorte in der Maginot-Linie. Sie residierten natürlich standesgemäß in Hotels und Gasthäusern und hatten einen eigenen Fahrdienst, der sie zum Dienst (jeweils 8 Stunden im Schichtrhythmus) in die Anlagen brachte. Zumeist aus den Städten stammend, war es den Damen entsetzlich langweilig, wenn ihre Männer im Dienst waren. Sie beschlossen, sich „eine sinnvolle Aufgabe zu geben und die Bunkeranlagen zu verschönen“ und pflanzten Rosen -  eine eigene Züchtung für die Maginot-Linie - an den Eingangswerken. Diese Rose mit dem Namen „Rose de Savigny“ gedieh auch prächtig, doch nach dem Krieg waren die Pflanzen verschwunden! Vielleicht als Souvenir von den deutschen Soldaten, vielleicht auch von den Dorfbewohnern der umliegenden Dörfer mitgenommen und in den heimischen Gärten angesiedelt.

     Erst vor einigen Jahren besuchte ein alter Herr aus Deutschland die Maginot-Linie, in der er 1940 als junger Soldat Dienst leistete und hatte im Gepäck – ein Rosenstrauch der Rose de Savigny, die nun wieder ihren Platz am Eingangsbunker des Fort aux Fresques gefunden hat.                                   

 

 

                                                

                                                              Zusammengestellt von Edi Ehlenz / September 2015