Der Bunker WH-767 "Erlkönig"

 

Ein Wegweiser durch den Regelbau 114a in Beckingen

 

Als Einzeldenkmal in der Liste der denkmalgeschützten Bauwerke im Saarland geführt, ist dieser Regelbau 114a der einzige erhaltene Regelbau mit freier Kehlfront und Eingangsverteidigung in dieser Baureihe. Dieses historische Bauwerk zu restaurieren und zu erhalten, Heimatgeschichte begreifbar und erlebbar zu machen, hat sich der Kultur- und Heimatverein Beckingen e.V. zur Aufgabe gemacht.

 

Allgemeines

 

„6-Schartenturm, ohne Gruppe, in „A“, mit Flankierungsanlage“, lautet die Kurzbeschreibung des Regelbau (Rb) 114a gemäß der Regelbau-Typenliste. [Regelbauten sind wie Reihenhäuser = einmal den Bauplan gefertigt und beliebig oft nach diesem Plan gebaut.]

Der Bunker 767 ist in der höchsten Ausbaustufe „A“ ausgeführt, der Sechs-Schartenturm des Typs 20 P 7 ist in der Ausbaustufe „B“ gefertigt (Wandstärke 255 mm, Gewicht 51 Tonnen, Höhe 2,34 m, sichtbar über der Bunkerdecke etwa 1,30 m, Kalottenverschlüsse). „Unser“ Turm wurde bei der Firma Krupp gegossen, trägt die Fertigungsnummer 61 und die Jahreszahl 1939.

Erbaut wurde dieser Bunker im sog. „Limes-Programm“ im Verbund mit einem Sonderprogramm, dem sog. „Aachen-Saar-Programm“ ab Oktober 1938: die Festlegung der 2. Verteidigungslinie zwischen Saarbrücken und Beckingen erfolgte am 26.10.1938 und ist später bekannt geworden als „Hilgenbach-Stellung“.

Die Schacht- und Erdarbeiten begannen im Frühjahr, die Fertigstellung dürfte im Spätsommer 1939 erfolgt sein.

Erbaut wurde der Bunker von der „Organisation Todt, kurz: OT ; Generalunternehmer war die Firma C. Kallenbach aus Berlin mit eigenem Baubüro in Trier; technische Planung, Bauaufsicht und Abnahme des Bauwerkes erfolgten durch den Festungspionierstab (FPiSt) 2 mit Sitz in St. Wendel.

Das Bauwerk erhielt die Wehrmachtsnummer Heer (WH) 767 – genau lautet sie WH 15-767 St (15 ist die Bauabschnittsnummer, St bedeutet „Ständige Anlage“).

Es wurden 1996 m² Beton und 160 Tonnen Stahl verbaut (zum Vergleich: der Regelbau 10 in Haustadt hat 255 m² Beton und 16 Tonnen Stahl, das B-Werk in Besseringen 2800 m² Beton und 200 Tonnen Stahl verbraucht).

In den Stahlverbrauch sind die Panzerteile, Türen, Rahmen und der Sechsschartenturm noch nicht eingerechnet !

Das Bauwerk umfasst etwa 2000 m³ umbauten Raum und hat eine Grundfläche von etwa 300 m², Außenwände und Decke sind 3,50 m stark, die Innenwände 1,00 m. Das Bauwerk ist in Normalgeschoßhöhe gebaut.

Die Außenabmessungen betragen (einschl. Bodenplatte) 18 m x 16,50 m x 7,00 (B x T x H); im Turmbereich erreicht das Bauwerk durch die konische Kragenbetonierung für den Sechsschartenturm fast 8,50 m Höhe. Im Bereich der Flankierungsanlage misst die Tiefe knapp 22 Meter.

Der Preis für diese Anlage kann nur grob geschätzt werden: er dürfte – nach den vorliegenden Erstellungskosten anderer Anlagen - um die 150 000 RM gelegen haben: zu dieser Zeit kostete ein kleines Einfamilienhaus (4 Zimmer, Küche, Bad, Keller) etwa 10 500 – 11 000 RM!

 

Innenansicht

 

Der Regelbau 114a lässt sich einteilen in:

 

6 Räume: Gasschleuse, Bereitschaftsraum, Verpflegungsraum,        Munitionskammer, Eingangsverteidigung und Gefechtsturm, wobei der Gefechtsturm doppelstöckig mit Kampfbühne, ausgeführt ist,

2 Flure: Eingangsflur (hinter der Gittereingangstür zur Gasschleuse) und Zwischenflur (zwischen Bereitschaftsraum und Gefechtsturm),

1 Eingangsnische (als Dekontaminationsraum / Toilettenstandort),

1 Notausstieg (von der Gasschleuse aus aufsteigend zur Oberkante der Bunkerdecke).

 

 

Die Räume im Einzelnen und ihre Nutzung

 

Eingangsflur und Eingangsnische

Beim Betreten des Bunkers durch die Eingangsgittertür Typ 491P2 trifft man auf den Eingangsflur, der sich am Ende und zwei Stufen abwärts zur Eingangsnische nach links weitet.

Dort konnte gasverseuchte Kleidung in zwei Schränken abgelegt werden und der kontaminierte Soldat sich mit Wasser Haare, Gesicht und Hände grob reinigen.

In der Eingangsnische befand sich auch ein Werkzeugschrank / Werkzeugkiste, ebenso stand hier die Trockentoilette im Status „Türen offen“.

In den Eingangsflur wirkt die Flurverteidigung, deren Scharte mit Schartenplatte 48P8 genau gegenüber dem Flur liegt und vom Bereitschaftsraum waffenwirksam kontrolliert werden kann.

Nach rechts führt der Weg durch eine doppelflügelige, gasdicht zu schließende Panzertür Typ 437P01 in die

 

Gasschleuse à Vorsicht ! Bei Durchstieg auf Kopffreiheit achten !

Hier konnte nach der Dekontamination frische Kleidung angezogen werden, erst dann durfte der Bereitschaftsraum betreten werden. In der Gasschleuse befindet sich die Einstiegsluke zum Notausstieg. Notausstiege waren in allen Kampfanlagen vorgeschrieben, die keinen zweiten Ein-/Ausgang hatten. Der Notausstieg führte durch die Außenwand und steigt dann in einem angebauten, halbrunden Schacht über Steigeisen zur Erdoberfläche auf. Bei Zustand „Türen zu“, also bei Gefechtsbereitschaft, wurde die Trockentoilette in die Gasschleuse genommen.

 

 

Bereitschaftsraum

Von der Gasschleuse betritt man durch eine Panzerschiebetür Typ 60 P 9 den Bereitschaftsraum, mancherorts auch Mannschaftsraum genannt. Als größter Raum des Bauwerks war er gleichzeitig Aufenthaltsraum, Schlafraum, Esszimmer, Fernmeldezentrale und Kampfraum für die Flurverteidigung.

4 x 3 Klappbetten für die 12-köpfige Besatzung, 1 Tisch und 6 Hocker waren das ganze Mobiliar; der Tisch konnte nur aufgestellt werden, wenn mindestens 3 Betten hochgeklappt waren.

An den Wänden neben den Betten befanden sich kleine Regale für den persönlichen Bedarf der Soldaten (Rasierzeug, Bücher u.ä.), ein langes Stellbrett für Tornister, Gasmasken, Stahlhelme u.a. an der Längswand über den Betten.

Für Wärme und zum Aufwärmen von Speisen sorgte ein druckfester und gasdichter Bunkerofen vom Typ WT 80 K der Fa. Haas & Sohn, der mittels Absperrventil bei Gefechtsalarm sofort zu löschen war; Holz- und Kohlevorrat, Kohleschaufel, Schürhaken und Ascheimer gehörten zu jedem Ofen.

Befehle, Anordnungen und Kampfanweisungen für die Bunkerbesatzung wurden an einem „Schwarzen Brett“ ausgehängt.

In diesem Raum befindet sich einer von vier Heeresschutzlüftern (HES) 1.2, den die Fa. Anton Piller aus Osterode/Harz entwickelt hat. Mittels Handkurbel konnten 1,2 m³ Schutzluftluft pro Minute gefördert werden.

 

 

Verpflegungsraum

Vom Bereitschaftsraum aus zu erreichen, ausgestattet mit einem Regal über die gesamte Breite der Rückwand, in dem Verpflegungsmittel für 7 Tage, maximal für 15 Tage, für die Bunkerbesatzung eingelagert werden konnte. Verschluss durch eine gasdichte Tür vom Typ 65 P 9.

Was eingelagert wurde à siehe Inventarliste im Verpflegungsraum !

 

Zwischenflur

Durch eine weitere Panzerschiebetür 60P 9 gelangt man von Bereitschaftsraum in den Zwischenflur, der zur Eingangsverteidigung (auch Flankierungsanlage genannt), dem Munitionsraum und dem Gefechtsturm / Sechsschartenturm führt.

In diesem Zwischenflur waren die Gewehrständer für 12 Karabiner 98 aufgestellt, an der Wand ein Aufbewahrungsschrank für Kleinutensilien / evtl. Sanitätsmaterial. Hier befindet sich auch die vorgesehene Nische für einen Zählerkasten, einen Stromverteiler sowie die Kabeleinführungen für die Stromversorgung aus dem öffentlichen Stromnetz.

Möglicherweise war hier auch ein Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung geplant, allerdings nicht ausgeführt worden.

 

Munitionskammer

Hier wurde die Grundbeladung an Munition und Explosivstoffe gelagert, die in Holz- oder Metallkisten über den Nachschubweg angeliefert wurden. Die gasdichte Tür ist ebenfalls ein Typ 65P9.

Was eingelagert wurde à sie Inventarliste in der Munitionskammer !

 

Eingangsverteidigung

Man betritt die Eingangsverteidigung durch eine Gasschutztür 65P9.

Die Eingangsverteidigung hatte die Aufgabe, jede feindliche Annährung an die Rückfront und den Eingang des Bunkers waffenwirksam zu verhindern. In einigen Veröffentlichungen wird von der Rückfront als „Freundseite“, in älteren Dokumentationen wird auch von der „Kehlfront“ gesprochen.

Auf dem eisernen Schießtisch war ein luftgekühltes MG 34 auf Schartenlafette 34 montiert. 1944 bei der erneuten Bemannung des Westwalls könnte hier ein MG 42, ein MG 08 oder 08/15 oder eine Beutewaffe auf Lafette oder auf einer einfachen Sandsackpolsterung gestanden haben. Problematisch war der Betrieb des MG 42 in Bunkern: die erhöhte Kadenz dieses Maschinengewehrs gab zu viel Pulvergase ab und sollte eigentlich nur im Freien betrieben werden.

Neben dem Schießtisch ein klappbarer Gurtfülltisch mit einer Gurtfüllmaschine, mit deren Hilfe leergeschossene MG-Gurte wieder munitioniert werden konnten.

Im Raum befindet sich auch ein Heeresschutzlüfter (HES) 1.2; die Eingangsverteidigung war durch Feldfernsprecher mit dem Bereitschaftsraum und dem Sechsschartenturm über die Feldvermittlung verbunden.

Die Rückwand ist in dunkelgrüner (Tarn-)Farbe gehalten, um bei offener Scharte Bewegungen und Schützen zu verschleiern; ebenso war die Treppenscharte außen in grüner Tarnfarbe gestrichen.

Das Richtfeld (= Schwenkbereich) des MG’s betrug 65° horizontal, nach oben konnte ein Winkel von +12°, nach unten ein Winkel von -15° gerichtet werden.

Das MG steht hinter einer Schartenplatte 422P01, Stärke 50 mm, mit Schieberverschluss und Sehschlitz.

 

Gefechtsturm à Vorsicht ! Beim Durchstieg auf Kopfhöhe achten !!

Dieser Bereich war die eigentliche und primäre Kampfanlage des Bunkers. Der Turm ist doppelstöckig angelegt: über eine Stahlleiter gelangt man von der Grundebene (Arbeitsebene) in den Mittelbereich (Kommandobereich) des Turmes, von dort führen zwei Steigleitern zur Kampfbühne.

Vom Zwischenflur betritt man durch eine zweiflügelige Panzertür 431P01 den Gefechtsturm.

Auf der Grundebene befinden sich 2 Gurtfülltische mit Gurtfüllmaschine sowie ein Wandfernsprecher mit Anschluss zur Vermittlung.

Hier befinden sich zwei weitere HES 1.2 und eine Überdruckklappe (rot), wie sie sich auch in der Gasschleuse, im Bereitschaftsraum und in der Eingangsverteidigung befinden.

 

Auf der mittleren Ebene, die durch eine Niedergangsklappe 68P9 erreicht wird, verläuft unterhalb der Kampfbühne eine Ringleitung (rot) für die gesamte Abluft aus dem Turmbereich, daneben zwei Rohrrutschen (beige) mit angehängten Säcken für die leeren Patronenhülsen aus dem Turm (sie wurden gesammelt und in den Munitionsfabriken wieder verwertet).

Hier hatte im Gefecht auch der Turmkommandant seinen Platz, der mittels der mittig angeordneten Zentraloptik, einem Panzer-Rundblickfernrohr, das, aus der Turmhaube ausgefahren, eine 360-Grad-Rundsicht erlaubte und eine entsprechende Gefechtsfeldbeobachtung ermöglichte. Von hier wurden die Zielanweisungen an die beiden Maschinengewehre im Sechsschartenturm über Kopfhörer oder durch Zuruf an die MG-Schützen gegeben.

Auf sogenannten Fahrbahnen (Vollkreis aus 6 Segmenten) waren 2 Schartenlafetten 34 mit jeweils einem MG 34 montiert, die zu jeder beliebigen Scharte gefahren werden konnten. Im Kuppeldach selbst sind sechs Felder zu je 60 Grad über den Scharten farbig und mit Ziffern von 1 bis 6 versehen dargestellt, die den Schützen bei der Zielaufnahme helfen sollten. Zudem war über den Kalotten eine 0-6400-Strich-Richtskala und darunterliegende Teilrichtskalen angebracht.

Für die Gefechtsfeldbeobachtung durch die Turmbesatzung waren in den Turm drei feste Optiken (PzBWF) eingebaut, auf den beiden MG-Lafetten war jeweils ein innenbeleuchtetes Panzerzielfernrohr (PzZF) mit 2,5-facher Vergrößerung montiert, die bei den Firmen Zeiss und Busch gefertigt wurden.

 

Nachrichtenverbindungen

 

Die Bunker waren an das Festungsfernsprechnetz angeschlossen, das die Anlagen untereinander verband. Darüber hinaus verfügten, mit wenigen Ausnahmen, die Bunker über einen Anschluss an das Festungskabelnetz, das wiederum mit Ortsvermittlungsstellen des öffentlichen Fernsprechnetzes verbunden war. Einige Bauwerke – insbesondere B-Werke und Führungsanlagen - waren mit Funkstationen ausgerüstet; dafür mussten bereits beim Bau entsprechende Zuleitungen zur außen am Bauwerk befindlichen Antenne verlegt werden.

Andere Anlagen konnten ihre Funkverbindungen nur von einem Standort außerhalb des Bunkers betreiben; dafür befanden sich im Eingangshof Halterungen für die Befestigung einer Funkantenne.

Darüber hinaus konnten Meldungen und Befehle immer noch durch Melder zu den Anlagen gelangen, wenn Kabel- oder Funkverbindungen durch Beschuss oder technische Störungen ausfielen.

 

Außenbereich

 

Auf der Rückseite des Bunkers, der Kehlfront, fällt als Erstes die tief in das Bauwerk eingezogene siebenzügige Treppenscharte der Eingangsverteidigung (auch Flankierungsanlage genannt) in’s Auge. Die Treppenscharte wird nach hinten durch eine Schartenplatte abgeschlossen. Links in der Treppenscharte befindet sich der Ansaugschacht für die Frischluftversorgung des Bauwerkes.

Neben der Treppenscharte befindet sich der einzige Zugang zum Bunker, der nur durch die Gittertür 19P7 zu sperren war; gegenüber dem Eingang, am Ende des Eingangsflures und der Eingangsnische, konnte der Flur waffenwirksam durch eine Scharte vom Bereitschaftsraum her kontrolliert werden.

Durch zwei durch Panzerroste geschützte Auslässe wurde die Abluft aus dem Bauwerk befördert.

Ein schrägabweisender Auswurf aus dem Kamin sorgte dafür, dass Kampfmittel (Handgranaten, Gasgranaten), die durch den Schornstein/Kamin in das Rauchrohr und den Ofen gelangt wären, vor die Außenwand abgewiesen wurden und im Inneren der Anlage keinen Schaden anrichten konnten. Dazu war das Rauchrohr im rechtem Winkel in den Kamin geführt und auch von daher durch fallende Objekte nicht zu erreichen.

Rechts neben dem Eingang befindet sich erdgleich ein abgedeckter Wasserzuleitungsschacht, von dem möglicherweise eine Wasserzuleitung in das Bauwerk führte bzw. führen sollte.

Vor der Treppenscharte ein Abwasserschacht, der vor allem das Oberflächenwasser in die Kanalisation ableiten sollte.

An den Außenwänden sind noch Spuren des schwarzen Isolieranstriches wie auch der olivgrünen Tarnfarbe, mit der die Außenfront gestrichen war, erkennbar.

Auf der Bunkerdecke beherrscht der Sechsschartenturm 20P7 die gesamte Ansicht. Im Originalzustand war die Bunkerdecke mit einer Zerschellerschicht aus grobem Kies und/oder Schotter bedeckt, darauf Mutterboden und Gras/Pflanzen, die für die Umgebung typisch waren und das Bauwerk gegen Fliegersicht tarnen sollten. Hier erreicht auch der Notausstieg die Oberfläche.

An der vorderen Deckenkante zum Eingangshof der aufgesetzte Schornstein.

 

Wissenswerter Kleinkram

 

Das Zusammenleben auf engstem Raum – jedem Soldaten standen im Bereitschaftsraum etwa 1,2 m² Fläche zur Verfügung – war sicherlich nicht einfach. Privatsphäre war ein Fremdwort, längstenfalls beim Spatengang war man (vielleicht) für sich. Reibereien bis hin zum handfesten Streit waren nicht immer zu vermeiden und es bedurfte schon eines erfahrenen und ausgleichenden Bunkerkommandanten, um Disziplin und Ruhe aufrecht zu erhalten.

  • Was man nicht sieht, ist die sog. kubische Bewehrung aus 12 mm Rundstahl, der zu Kästen mit einer Maschenweite von 20 – 25 cm geflochten und in die Verschalung eingebaut wurde. Darunter war bereits eine gegen Feuchtigkeit isolierte Arbeitssohle gegossen worden, darauf kam die ca. 1,50 m starke Fundamentsohle aus Stahlbeton.
  • Der Schwerbeton (als Magerbeton, d.h. mit wenig Wasser angesetzt) wurde vor Ort hergestellt (Ready-Mix gab es noch nicht); für einen Kubikmeter Beton mussten 400 kg Portland-Zement und 600 kg Kies, Sand und andere Zuschlagstoffe verwendet werden. Nach 28 Tagen musste der Beton einer Druckbelastung von 400 kg/cm² standhalten. Der Beton wurde mühsam mit Rechen und Schaufel verteilt und mittels Holzlatten eingestampft werden, Rüttelgeräte waren kaum vorhanden und auch nicht erlaubt.

 

  • Bohrungen in den Beton waren wegen möglicher Rissbildungen verboten: alle Wanddurchgänge für Scharten, Türen Rohrleitungen, Fernmeldeleitungen, Kabel usw. mussten durch Schablonen bereits mit der Schalung fixiert werden. Ebenso mussten alle Schartenplatten, Türrahmen und alle Ankerschrauben für Bettrahmenhalter, Fernsprecher, Schutzlüfter u.ä. mit der Schalung eingebaut werden.
  • Die Trockentoilette durfte nur bei Gefechtsalarm (alle Türen zu) benutzt werden. Ansonsten waren in der Nähe der Bunker Feldlatrinen („Donnerbalken“) angelegt oder die Soldaten gingen zum „Spatengang“ (Spaten mitnehmen, Loch graben, nach erfolgreicher Erledigung, zuschaufeln).
  • Für die spärliche Notbeleuchtung im Bunker sorgten Petroleum- oder Karbidlampen, ersatzweise auch Bunkerkerzen (die immer noch „Hindenburg-Licht“ genannt wurden). Der Geruch nach verbranntem Petroleum oder Karbid, Schweiß, Essen, feuchtem Beton usw. muss „atemberaubend“ gewesen sein !
  • Trink- und Brauchwasser musste mit Kanistern von eigens dafür eingerichteten Wasserentnahmestellen geholt werden. Auch die warme Mittagsverpflegung musste in sog. Essensträgern von den zentral eingerichteten Feldküchen in die Bunker gebracht werden. Für den Betrieb einer Feldküche waren Feldbäckerei ebenso wie die Schlachterei und die Marketenderei unabdingbar. Natürlich stand auch „Organisieren“ bei den Soldaten hoch im Kurs, aber auch Tauschgeschäfte und Einkäufe in den Ortschaften waren üblich.
  • Soweit benötigt, wurden Waffen, Ersatzteile, Munition und Explosivstoffe, Verpflegung, Sanitätsmaterial, Bekleidung, Unterkunftsmaterial, Sperrmaterialien u.a.m. auf dem Nachschubweg angefordert und über den Bataillons-, Regiments- oder Divisionsnachschubführer in den entsprechenden Nachschublagern angefordert und geliefert.
  • Die Bunkerbesatzungen wurden in regelmäßigem Turnus abgelöst und gingen zu ihren Stammeinheiten, die in aller Regel in Festungsbataillonen (FBtl) zusammen gefasst waren. Dort wurden alle administrativen Angelegenheiten (Versetzungen, Kommandierungen zu Lehrgängen, Urlaub, Personalaktenverwaltung, Rechnungsführerangelegenheiten, truppenärztliche Versorgung etc.) erledigt.

 

  • Die Bunkerbesatzungen in Beckingen könnten zu Kriegsbeginn vom Infanterieregiment (InfRgt) 355 ( das zur 214. Infanteriedivision (InfDiv) gehörte), gestellt worden sein. Später könnten es Truppenteile der 79. InfDiv gewesen sein, die zumindest Teile der Bunkerlinien besetzten und auch die zwischen, teilweise auch vor den Bunkern, verlaufenden Infanteriestellungen als Feldtruppen besetzten. Ab Mitte 1944 waren es wohl Einheiten der 355. und 356. Volksgrenadierdivision; im Wesentlichen ältere Jahrgänge, nicht mehr feldverwendungsfähige Soldaten und HJ.

 

 

 

Schlussbemerkungen

 

Aufgrund des andauernden Materialmangels, einem Fehl an Arbeitskräften und der ständigen Lieferengpässe erließ bereits am 20.12.1939 das Oberkommando des Heeres (OKH) den Befehl, den Ausbau des Westwalls auf ein Minimum zu reduzieren.

Ganz wurden die Bauarbeiten jedoch nicht eingestellt: begonnene Bauwerke wurden noch zu Ende geführt und darüber hinaus einfachere, kosten- und materialsparende Regelbauten entwickelt, die sog. Kriegsregelbauten der neuen 500er-Reihe.

Die Bauarbeiten zur Vollendung des sog. „Orscholz-Riegels“ und der Bau der Spichern-Stellung auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken gingen noch bis in das Jahr 1940.

Mit dem Beginn des Frankreich-Feldzuges am 10. Mai 1940, in dessen Verlauf auch Luxemburg, Belgien und Niederlande besetzt wurden, ruhten die Arbeiten am Westwall. Mit der Niederlage Frankreichs und dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 befahl das OKH bereits am 28. Juni 1940 die sofortige Einstellung aller Bauarbeiten am Westwall.

 

 

Nach Meinung der obersten Führung hatte der Westwall seine Schuldigkeit getan und seinen Zweck vollends erfüllt – ein vollendeter Bluff aus 2,5 Millionen Tonnen Stahl und Beton, der 3,5 Milliarden Reichsmark ohne jeden volkswirtschaftlichen Nutzen verschlungen hat (abgesehen von den Großunternehmen, die sich an diesem Westwall goldene Nasen verdient haben), nach heutiger Sicht eine größenwahnsinnige Verschwendung von Zeit, Geld, Material und Arbeitskraft.

Lange Zeit hat man erfolgreich versucht – und tut es auch heute noch – diese Wehranlage unter Erde und Sand zu verstecken, mit der Spitzhacke zu beseitigen oder sie einfach unter Sträuchern, Brombeerhecken und Laub unsichtbar werden zu lassen. Der interessierte Heimatkundler fragt zurecht: Warum ?

Nur, weil dieser sogenannte „Westwall“ eine Epoche in Deutschland ansichtig macht, die nicht zu den Ruhmesblättern deutscher Geschichte gehören ?

 

Dies kann und darf es nicht sein. Ein bekannter Ausspruch des Altkanzlers Helmut Schmidt stellt zu recht fest: „Nur wer die Vergangenheit kennt, wird wissen können, wie Zukunft besser zu gestalten ist.“ Von daher ist es die Aufgabe jeder Generation, ihr Wissen weiterzugeben, Geschichte lebendig zu erhalten (auch wenn sie schmerzt), aus Vergangenem zu lernen und den nachfolgenden Generationen bessere und friedfertigere Wege zu weisen.

 

Was dort an Westwall-Bauten entlang der Westgrenze unserer Republik steht, gleich ob zerstört oder noch erhalten, ist aus Volksvermögen errichtet worden. Wenn es heute gelingt, mit viel Engagement und Arbeit hier und da, nunmehr in musealer Verwendung der einst kriegerischen Anlagen, den Menschen Geschichte zum Anfassen und zum Erleben anzubieten,

sollte es eigentlich keine Frage sein, solche Initiativen zu unterstützen und zu fördern.

 

Andere Nationen sind uns in diesem Bereich meilenweit voraus.

 

Eine Auswahl weiterführender Literatur

 

Gückelhorn, Wolfgang:

„Archäologie des II. Weltkrieges am Mittelrhein“ – Bodendenkmäler, Bauten und Ruinen erinnern; Teil 1;

Helios-Verlag, Aachen, 2007, ISBN 978-3-938208-58-8

 

 

Molt, Albert:

„Der deutsche Festungsbau von der Memel zum Atlantik“ – Festungspioniere – Ingenieurskorps – Pioniertruppe;

Podzun-Pallas-Verlag, Friedberg/H., 1993, ISBN 3-7909-03-27-2

 

 

Bettinger, Dieter Robert, * Hansen, Hans-Josef, * Lois, Daniel:

„Der Westwall von Kleve bis Basel“- Auf den Spuren deutscher Geschichte;

DÖRFLER-VERLAG, Eggolsheim, o.J.

 

 

Hansen, Hans-Josef (Hrsg.)

„Auf den Spuren des Westwalls“ – Entdeckungen entlang einer fast vergessenen Wehranlage;

Helios-Verlag, Aachen, 2009, 6. Auflage, ISBN 978-3-925087-76-9

 

 

Fuhrmeister, Jörg:

„Der Westwall“ – Geschichte und Gegenwart

Motorbuch-Verlag, Stuttgart, 2004, 2. Auflage, ISBN 3-613-02291-5

 

Seidler, Franz W.:

„Die Organisation Todt“ – Bauen für Staat und Wehrmacht 1939 – 1945;

Bernhard & Graefe Verlag, 1987

 

Foedrowitz, Michael:

„Bunkerwelten“ – Luftschutzanlagen in Norddeutschland;

Weltbild Verlagsgruppe, Augsburg, 1998, ISBN 978-3-8289-0927-4