Der Westwall

Der Westwall, lange Jahre totgeschwiegen, und als „Denkmal des Unerfreulichen" nur randlich von den archäologischen Fach Ämtern betrachtet, erfährt heute ein großes Interesse in der Öffentlichkeit. Er steht im Selbstverständnis der archäologischen Denkmalpflege, in der Tradition der linearen Befestigungen wie dem römische Limes oder der mittelalterlichen Landwehren. Er besteht aus einer Reihe von baulichen und technischen Anlagen, dem einzelnen Bunker, der aber erst durch eine Vielzahl verschiedenster Erdbefestigungen, wie z.B. Schützengräben und Schützenlöchern, zu einer im Gelände tief gestaffelten Befestigungslinie wird. Spätestens mit der Zerkleinerung und Übererdung wird aus dem Baudenkmal Bunker, so sarkastisch es klingen mag, ein Bodendenkmal.

Aber Denkmal bleibt Denkmal.

Im Rahmen touristischer Erschließung ist er ein fester Bestandteil im Programm von Vereinen und Kommunen.

Problematisch bleibt die Präsentation durch private Initiativen.

Hier sind die Denkmalbehörden und die staatlichen Museen gefordert Hilfestellung zu leisten und von der unreflektierten Waffen- und Kriegsschau wegzukommen zu einer differenzierten Darstellung und Einbindung der einzelnen Bunkeranlagen in den Gesamtzusammenhang Westwall.

Der Westwall war:

  • ein Propagandainstrument (Um diese Wirkung zu unterstreichen betrieb die Regierung ein ungeheure propagandistische Aktivitäten und schuf so den Mythos des Westwalls (Schaffung eines Mythos durch Filme, Zeitschriften usw.).
  • ein Instrument zur Stärkung der so genannten „Volksgemeinschaft" („Der Westwallarbeiter" beim Bau)
  • ein Instrument, Sicherheit zu vermitteln bzw. vorzugaukeln (im Inland sowie im Ausland)
  • Ein Abschreckungsinstrument, das die Westmächte vom Krieg abhalten sollte (hat 1939 funktioniert)
  • ein Instrument, das dem westlichen Ausland das Bild eines angeblich defensiven Charakters Deutschlands vermitteln sollte
  • ein Instrument, das durch die harten Arbeitsbedingungen die Bevölkerung an die Entbehrungen des Krieges „gewöhnt".
  • und eine „Stahl- und Betonvernichtungsmaschine" (diese Funktion war allerdings nicht beabsichtigt)

Daraus ergibt sich, dass ein Phänomen wie der Westwall nicht isoliert betrachtet werden darf.

Insofern besitzt der Westwall eine andere Qualität als etwa die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz oder die Maginot-Linie in Frankreich)

Daraus folgt, dass mit den heutigen Überresten der Anlagen politisch und historisch Interessierten einiges der genannten Funktionen vermittelt werden kann. Diese Chance sollte nicht ungenutzt bleiben.

Einige Anmerkungen zur Politik Hitlers und der NSDAP:

Divide et impera ! (teile und herrsche)

„Von wem fordert er das? Wer kann das anordnen? Ich ganz allein. Also, der Herr Redakteur fordert im Namen seiner Leser von mir, dass ich das tue. Zunächst: Längst bevor dieser Redakteur von der Judenfrage eine Ahnung hatte, habe ich mich doch sehr gründlich damit beschäftigt; zweitens dieses Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder so natürlich auch durchgeführt. Denn das Endziel unserer ganzen Politik ist uns ja allen ganz klar. Es handelt sich bei mir nur immer darum, keinen Schritt zu machen, den ich vielleicht wieder zurück machen muss, und keinen Schritt zu machen, der uns schadet. Wissen Sie, ich gehe immer an die äußerste Grenze des Wagnisses, aber auch nicht darüber hinaus. Da muss man die Nase haben, ungefähr zu riechen: ‚Was kann ich noch machen, was kann ich nicht machen ?' Auch im Kampf gegen einen Gegner. Ich will ja nicht gleich einen Gegner mit Gewalt zum Kampf fordern, ich sage nicht: ‚ Kampf! ', weil ich kämpfen will, sondern ich sage: ‚Ich will dich vernichten! Und jetzt, Klugheit, hilf mir, Dich so in die Ecke hineinzumanövrieren, dass Du zu keinem Stoß mehr kommst, und dann kriegst Du den Stoß ins Herz hinein:'" (aus: Weltgeschichte im Aufriss 3/1, Frankfurt, 1976, S. 400f.)

Diese Erwiderung auf den Vorschlag eines Redakteurs einer Provinzzeitung, der die Kennzeichnung jüdischer Geschäfte gefordert hatte, legt paradigmatisch die Strategie Hitlers dar, der einerseits opportunistisch von Fall zu Fall entschied aber seine grundsätzlichen Ziele wie das der Gewinnung des Lebensraums im Osten oder seine Maximen von der sog. Vorherrschaft der arischen „Rasse" und der angebliche Minderwertigkeit von Juden und anderen Bevölkerungsgruppen, wie es in seinem Buch „Der Kampf" dargelegt hatte, nie aus den Augen verlor. Der Bau des Westwalls war ein wichtiger Baustein dieser Politik, denn um einen wahrscheinlichen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, sollten die Anlagen die Westmächte davon abhalten in Deutschland einzugreifen, solange das Deutsche Reich Krieg in Polen führte.

Diese Funktion des Westwalls wird in einem Ausspruch Hitlers selber entlarvt. In einer Besprechung (bei Hitler waren es eher Monologe) mit den Oberbefehlshabern der Wehrmacht am 23.11.1939 äußerte er sich folgendermaßen: „Ein Jahr später kam Österreich, auch dieser Schritt wurde für bedenklich angesehen. Er brachte eine wesentliche Stärkung des Reichs. Der nächste Schritt war Böhmen, Mähren und Polen. Aber dieser Schritt war nicht in einem Zuge zu tun. Zunächst musste im Westen der Westwall fertig gestellt werden. Es war nicht möglich, das Ziel in einem Anhieb zu erreichen. Vom ersten Augenblick an war mir klar, dass ich mich nicht mit den sudetendeutschen Gebieten begnügen würde. Es war nur eine Teillösung. Der Entschluss zum Einmarsch in Böhmen war gefasst. Dann kam die Errichtung des Protektorats, und damit war die Grundlage für die Eroberung Polens gelegt, aber ich war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht im Klaren, ob ich erst gegen den Osten und dann gegen den Westen oder umgekehrt vorgehen sollte. Moltke hat seinerzeit oft die gleichen Überlegungen angestellt. Zwangsläufig kam es erst zum Kampf gegen Polen. Man wird mir vorwerfen: Kampf und wieder Kampf. Ich sehe im Kampf das Schicksal aller Wesen. Niemand kann dem Kampf entgehen, falls er nicht unterliegen will. Die steigende Volkszahl erfordert größeren Lebensraum." (aus: Hofer, W.: Der Nationalsozialismus - Dokumente 1933-1945. Frankfurt, 1982, S. 196f)

Der Staat Hitlers war totalitär, das heißt, jeder Bürger wurde von seiner Geburt bis zum Tode in ein Gesamtsystem (Pimpfe, HJ, BDM, NSDAP, Wehrmacht bzw. Waffen-SS usw.) eingebunden. Anders als viele einfache Diktaturen verlangte er nicht nur den Verzicht auf freie Meinungsäußerung oder politischer Meinungsbildung, sondern Zustimmung. „Unpolitische" Bereiche innerhalb des NS-Staates gab es de facto nicht, auch wenn genau dies den Zeitgenossen vermittelt werden sollte. Das Wunschkonzert war keine einfache Radiosendung, sondern sollte die Stimmung an der Front und im Reich heben und den Gemeinschaftssinn stärken. Die Sozialpolitik (von Götz Aly vor wenigen Jahren überzeugend untersucht) diente ebenfalls dazu, die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. Die Autobahnen sollten der Welt beweisen, wie modern Deutschland war, das Winterhilfswerk stärkte die sog. „Volksgemeinschaft" und die Filme mit Heinz Rühmann sorgten für den Humor.

Was bedeutet dies?

Es geht darum, diese Zusammenhänge aufzuzeigen und zu entlarven. Die Maßnahme an sich ist nicht notwendigerweise negativ zu beurteilen. Es spricht nicht gegen eine gute Sozialpolitik, bloß weil Hitler diese missbraucht hat. Und obwohl der VW Käfer als KDF - Wagen für den sog. Volksgenossen gebaut wurde, blieb es ein gutes Auto und wurde in den 1960ern zur Ikone der Hippie-Bewegung. Der Missbrauch eigentlich unpolitischer Dinge durch das NS-Regime stellt vor allem eine schwere intellektuelle Hypothek für die Nachkriegsgeneration dar. Es muß immer hinterfragt werden, ob es sich um ein tatsächlich „unpolitisches" Phänomen handelt (Beispiel: Der Film Die Feuerzangenbowle), das zur Zerstreuung missbraucht wurde oder ob es mehr oder weniger verdeckte Propaganda enthält (Beispiel der Film Quax der Bruchpilot, der Jugendliche für den Flugsport, d.h. Luftwaffe begeistern sollte).

(aus Prof. Dr. Wolfgang Alt westwall- denk - mal. de)

Von den 4160 Westwallanlagen im Bereich des heutigen Saarlandes (von den inzwischen mehr als 3600 gesprengt oder übererdet worden sind) befanden sich mehr als 150 im Bereich der heutigen Gemeinde Beckingen.

Im Ort Beckingen der nicht am, sondern wie viele andere unserer Dörfer im Westwall lag sind heute noch 22 Bunker, Reste einer Höckerlinie und einige Stollen erhalten. Selten, wenn nicht gar einmalig dürfte sein, dass die zweite Bunkerlinie des Westwalls zwischen Bahnhof – Beckingen und dem Ortsausgang Richtung Dillingen komplett erhalten geblieben ist.

Mit Unterstützung der Gemeinde Beckingen hat sich der Kultur und Heimatverein des Ortsteils Beckingen die Aufgabe gestellt, diesen Abschnitt der ehemaligen Westbefestigung vorbei an 15 der so genannten Regelbauten, „erwanderbar" zu machen.

Eines der Bauwerke, ein Regelbau 114a auf dem Paffenkopf in Beckingen, wurde bereits durch ehrenamtliche Helfer instand gesetzt und kann nun als Zeugnis der Geschichte und Mahnmal des Krieges besichtigt werden.

Es gibt ein gemeinsames Ziel:

Der Westwall als Zeitzeuge militärgeschichtlichen Festungsbaus des 20. Jahrhunderts, als Größenwahn des menschenverachtenden Dritten Reiches und seiner Expansionspolitik, als ehemals propagandistisches Werkzeug, soll den Menschen heute und morgen nicht nur aus Büchern und Bildern erhalten, sondern muss noch für jeden selbst in der Landschaft erfahrbar bleiben.